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Rückblick:

Symposium "Primaten in der Grundlagenforschung"

Vom 23. Bis 24.11.2011 veranstaltete in Göttingen Pro Forschung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Primatenzentrum (DPZ) und der Gesellschaft für wissenschaftlichen Tierschutz (tiz-bifo)  das Symposium „Primaten in der Grundlagenforschung“. Über fünfzig Teilnehmer hatten sich in den Räumlichkeiten des Deutschen Primatenzentrums eingefunden, um aktuelle Aspekte zur Verwendung von nicht menschlichen Primaten in der biomedizinischen Forschung zu diskutieren. Der Vorsitzende von Pro Forschung, Dr. Günther R. Warncke, hatte zusammen mit Dr. H.-P. Scheuber vom tiz-bifo München und Prof. Dr. F.-J. Kaup vom DPZ Göttingen ein Programm zusammengestellt, bei dem die Thematik aus unterschiedlicher Sichtweise beleuchtet wurde.

Am ersten Tag ging Dr. Britta Wirrer von der Genehmigungsbehörde der Regierung von Oberbayern auf die neue EU-Richtlinie 2010/63/EU ein und zeigte als Konsequenz aus der Richtlinie denkbare Änderungen des Deutschen Tierschutzgesetzes auf. Nach aktuellem Stand werden wohl die wesentlichen Einzelheiten über eine entsprechende Rechtsverordnung umgesetzt. Dr. Wirrer ging auf die besondere Stellung der Primaten ein, die zukünftig verschiedenen Beschränkungen unterliegen, obwohl Schutzklauseln und Ausnahmen auch in Zukunft die Verwendung der Tiere in vielen wissenschaftlichen Bereichen erlauben. Hinsichtlich ihrer Nutzung in der Grundlagenforschung gibt es aber keine größeren Einschränkungen, sieht man vom grundsätzlichen Nutzungsverbot der Menschenaffen ab. Ebenfalls aus amtlicher Sicht berichtete Dr. Roland Otto vom Veterinäramt Münster über seine Erfahrungen als Überwachungsbehörde im Umgang mit Tierversuchseinrichtungen. Anhand zahlreicher Beispiele demonstrierte er, wie sich in Zusammenarbeit mit den Beteiligten Verbesserungen für die Tiere erreichen lassen. Besonders erwähnenswert ist das von der Behörde entwickelte und zertifizierte Eigenkontrollsystem in der Überwachung von Tierversuchen. Frau PD Dr. Julia Henke, Biberach, demonstrierte eindrucksvoll, dass das „Positive Reinforcement Training“ eine zuverlässige und reproduzierbare Trainingsmethode bei Makaken ist, die bei fast allen Eingriffen und Behandlungen der Tiere angewendet werden kann. Aufgrund des stressfreien Umgangs mit den Tieren ergeben sich dadurch nicht nur Vorteile im Sinne des Tierschutzes sondern auch für die Qualität der erhobenen biomedizinischen Daten.

Prof. Dr. Jörg Luy vom Institut für Tierschutz und Tierverhalten der FU Berlin und Prof. Dr. Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums Göttingen zeigten in ihren Vorträgen die konträren Standpunkte zur Verwendung der Tiere in der biomedizinischen Grundlagenforschung. Während Prof. Luy aus ethischer Sicht das moralische Dilemma der Medizinforschung aufzeichnete, wies Prof. Treue auf die Unverzichtbarkeit der Tiere in der neurobiologischen Forschung zum gegenwärtigen Zeitpunkt hin. Prof. Luy wies dabei darauf hin, dass die ethische Vertretbarkeit von Tierversuchen nur dann gerechtfertigt ist, wenn sie auf den Grundsätzen der Verhältnismäßigkeit baut. Dieser Verhältnismäßigkeit liegen Überlegungen zugrunde, die die Legitimität des Zwecks sowie die Eignung, Erforderlichkeit und Angemessenheit der Mittel berücksichtigt. In Abhängigkeit der Leiden der Tiere muss im Rahmen der Güterabwägung durchaus auf Erkenntnisgewinn verzichtet werden. Prof. Treue stellt dagegen eindrucksvoll dar, wie verschiedene Methoden im Bereich der Neurophysiologie von nicht invasiven bildgebenden Verfahren bis hin zur invasiven Einzelzellableitung am Versuchstier dazu beigetragen haben, grundlegende Erkenntnisse zur Funktionsweise des ZNS zum Beispiel im Zusammenspiel von Aufmerksamkeitsverarbeitung und resultierenden Handlungsweisen zu gewinnen. Beiden Referenten war gemeinsam, dass die juristische Trennung von Grundlagen- und angewandter Forschung nicht die tatsächliche Realität der biomedizinischen Wissenschaft widerspiegelt.

Der zweite Konferenztag war von aktuellen Einsatzgebieten nicht menschlicher  Primaten in der biomedizinischen Forschung geprägt. In einer Übersicht zeigte Prof. Dr. F.-J. Kaup vom Primatenzentrum Göttingen, dass diese besondere Tiergruppe vor allem in der Arzneimittelzulassung und assoziierten toxikologischen Untersuchungen zur Evaluierung des Risikos vor der klinischen Prüfung am Menschen eingesetzt werden. Bei den sonstigen Forschungsgebieten stehen die Infektionsmedizin und die Neurowissenschaften einschließlich Medizin im Vordergrund, während in anderen Bereichen wie Reproduktionsbiologie, Tiermedizin, Primatenbiologie, Stammzellforschung oder Xenotransplantation Primaten gelegentlich als Versuchstiere genutzt werden. Dr. Werner Müller und Prof. Dr. Gerhard Weinbauer von den Covance Laboratories Münster demonstrierten, wie die Rahmenbedingungen der Tiere in Versuchen zur Arzneimittelzulassung – und -forschung optimiert werden können. Dr. Müller stellte das Haltungskonzept der Fa. Covance vor, die neue Wege bei der tiergerechten Haltung der Tiere bestreitet und bei der Entwicklung von Haltungsbedingungen die gesetzlich vorgeschriebenen Mindeststandards deutlich überschreitet. Prof. Weinbauer erläuterte, wie sich durch entsprechende systematische Auswertungen vorhandener Daten Gruppengrößen für reproduktionstoxikologische Untersuchungen objektiv ermitteln lassen, die sich sowohl in den Guidelines derartiger Studien realisieren lassen als auch zu einer deutlichen Verminderung der benötigten Tierzahlen zur Ermittlung statistisch relevanter Ergebnisse führen.

Die beiden letzten Vorträge der Veranstaltung gingen auf die aktuelle Bedeutung von Primaten in der Xenotransplantation ein. Dr. Joachim Wistuba vom Zentrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster hat mit seinen Kollegen ein autologes Xenotransplantationsmodell beim Marmosets entwickelt, bei dem Faktoren der Spermatogenese untersucht werden können. Dieses Modell, bei dem unreifes Hodengewebe von Primaten auf Nacktmäuse übertragen wird, dient langfristig dazu den Effekt von Chemotherapeutika auf derartige Xenografts zu untersuchen. Von Dr. Michael  Thormann von der LMU in München wurde zum Abschluss der Tagung ein eindrucksvoller Vortrag zum Einsatz der Tiere in der Xenotransplantation gehalten. Am Beispiel der Transplantation von Herzen gentechnisch veränderter Schweine auf Paviane machte er die Notwendigkeit der Versuche mit nicht menschlichen Primaten auf diesem hochaktuellen Forschungssektor deutlich, zeigte aber auch die Limitationen des Tiermodells und die mit den Versuchen verbundenen Belastungen für die Tiere.

Fazit der Veranstaltung, die durch ausgiebige und kontroverse Diskussionen geprägt war, Grundlagen- und angewandte Forschung sind untrennbar miteinander verbunden. In bestimmten Bereichen der biomedizinischen Forschung kann derzeit auf nicht menschliche Primaten nicht verzichtet werden. Ihr Einsatz setzt aber, wie bei anderen Versuchstieren auch, einen verantwortungsvollen Umgang mit den Tieren voraus. Wenn immer möglich, sollten Alternativen gefunden werden, bevor die Tiere den mit Experimenten verbundenen Belastungen ausgesetzt werden. Das 3R Prinzip von Russell und Burch aus dem Jahre 1959 ist nach wie vor aktuell und sollte durch das vierte R für „Responsibility“ für Mensch und Tier erweitert werden.