
Wer sich mit der ethischen Vertretbarkeit von Tierversuchen auseinander setzt, wird mit drei unterschiedlichen Ansätzen konfrontiert. Die philosophische Ethik greift für tierethische Betrachtungen auf die Grundsätze der Philosophie zurück und auf die daraus entstandenen ethischen Grundpositionen. Die angewandte Ethik stellt Kriterienkataloge zur Verfügung, mit denen sich Naturwissenschaftler eine Meinung und ein Urteil bilden können. Viele dieser Kataloge greifen auf die ethischen Grundpositionen zurück, sind jedoch häufig in Kooperation mit Naturwissenschaftlern entstanden. Die Rechtsethik beschäftigt sich mit den ethischen Aspekten, die in gerichtlichen Entscheidungsprozessen relevant sind – sich also im Zweifel auf eine gerichtliche Ablehnung eines Tierversuchsantrages auswirken. Sie geben Richtern – und in der Antragsbearbeitung natürlich auch den Naturwissenschaftlern – ein Prüfverfahren an die Hand, mit dem sie die ethische Vertretbarkeit eines Tierversuchs beurteilen können.
Die Grundpositionen der philosophischen Ethik – auf der letztlich alle praktischen Ansätze aufbauen – unterscheiden sich teilweise grundlegend. Welche der Positionen ein Ethiker in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellt, ist eine Frage der persönlichen Überzeugung.
1. Deontologische Ethik. Der bekannteste Vertreter dieser Klasse von ethischen Theorien ist Kant. In der Mitte steht der Pflichtbegriff, und nur dem Menschen wird Würde zugesprochen. Weil nur der Mensch über Vernunft verfügt, willensfrei ist und autonom sein kann. Gleichwohl dürfen wir nach Kants System mit Tieren nicht willkürlich verfahren. So lehnt Kant etwa Tierexperimente ab, die lediglich die Neugier der Menschen stillen.
2. Utilitarismus. Der Utilitarismus stellt die Konsequenzen des Handelns in den Vordergrund. Nicht der gute Wille zählt, sondern die Konsequenz für alle Betroffenen, und betroffen kann jeder sein, der fühlt und leidensfähig ist.
Von diesen Grundpositionen aus und mit den Argumenten, die in diesen Theorien verankert sind, argumentiert und bearbeitet ein Ethiker die "Was-dürfen-wir?"-Fragen unserer Gesellschaft.
Quelle: Reader Moralprofil, Forum "Tierversuche in der Forschung"